Bilder der Literatur

Bücher enthalten reproduzierte wie sprachlich formulierte Bilder. Während erstere dem Charakter der materialisierten Bilder (pictures) zugehören, evozieren die zweitgenannten Imaginationen, ihre Verbindung zielt wiederum als „imagetext“ (W. Mitchell) auf eine Synthese, die sich bei der Lektüre einstellt. In konventionellen Literaturausstellungen steht in der Regel nicht diese Bilddefinition im Zentrum der Forschungen als vielmehr die Verwendung des Bildes als Illustration historischer Ereignisse oder eines kulturellen Kontexts, als gemaltes, gedrucktes oder fotografiertes Portrait eines Schriftstellers oder Gelehrten.

Die Beziehungen von Bild, Text und musealer Inszenierung im Raum ist alles andere als geklärt. Die Tatsache, dass in der Literatur Bilder (images und pictures) in der Regel sprachlich kommuniziert werden und Sprache sich nicht allein der Metaphorik des Bildes bedient, verlangt nach einer Definition der Medienspezifik der „Bilder der Literatur“. Während aktuelle Forschungen zum Text-Bild-Verhältnis sich vor allem auf die komparatistische Perspektive der sogenannten Schwesterkünste konzentrieren, geht es in diesem Vorhaben vielmehr um die Reflexion über das Übersetzen von vorgängigen, kulturell tradierten und etablierten Bildern (images und pictures). Es soll also das Zusammenspiel der medienspezifischen Kommunikationsebenen untersucht und ihre Bedeutung für die Evidenz literaturhistorischer Objekte herausgearbeitet werden.

Dies geschieht zum einen über einen kulturhistorischen Vergleich, der den Einsatz von Bildern (pictures) in Literaturmuseen und -ausstellungen anhand von Fallbeispielen untersucht. Hierzu werden die Bestände des DLA im Rahmen diverser Ausstellungen ausgewertet und kontextualisiert. Leitfragen dieser diachronen Perspektive orientieren sich an bildwissenschaftlichen Fragestellungen: Gibt es bei der Auswahl der Bildmedien Selektionskriterien, die nicht allein medienhistorisch begründet sind? Wie sind Modifikationen motiviert, in welchen thematischen Kontexten kommen sie zum Einsatz und in welchem Verhältnis stehen sie zum Gesamtfundus der archivierten Bilder? Wie gliedert sich dies in die visuelle Kultur des jeweiligen historischen Kontextes ein? Kurz: Wie tragen Bilder zur Imagination von Kultur bei?

Das Modul „Bilder der Literatur“ widmet sich zum einen der Analyse visueller Kulturen um 1912 vor dem Hintergrund des Marbacher Archivbestandes. Die bildwissenschaftlichen Ergebnisse der Untersuchung fließen in die gemeinsam konzipierte Ausstellung ein. Daneben wird die Bedeutung von Bildern in historischen Ausstellungen reflektiert. Im Rahmen des Forschungsprojekts enstand nicht nur eine Fallanalyse zur Marbacher Expressionismus-Ausstellung von 1960, sondern es wird auch die Rolle der apparativ bewegten Bildern in Kunstausstellungen untersucht.