Materialien der Literatur

Das Vorhaben „Materialien der Literatur“ des Ludwig-Uhland-Instituts widmet sich dem handschriftlichen Dokument und untersucht, welche Vorstellungen von Präsenz und Glaubwürdigkeit mit dem autorisierten Notat verbunden sind. Die mit ihnen transportierte Auffassung von Individualität beruht zugleich auf einer, im hohen Maße kodierten Form der Gedankenniederlegung: Seitenzählung, Randnotizen, Aufteilung der Seite, Datierung und eine dezidiert leserliche oder unleserliche Schrift sind nur einige Aspekte einer stillschweigend übernommenen, kulturell festgelegten Form, die der Tradition der Objektivierung verpflichtet ist. Diese materialen Notationssysteme und ihre Beglaubigungs- und Evidenzstrategien werden in verschiedenen Stadien generiert und gehärtet: Sie werden vom Schriftsteller / Gelehrten aufbewahrt und selektiert. Sie werden in einer Vorlass- / Nachlassregelung durch den Archivar ausgewählt und in einen Archivkontext verbracht. Sie werden in einer Ausstellung präsentiert und rezipiert.

Wie verhalten sich Individualitätsanspruch und kodierte Form zueinander? Welche ästhetischen Aspekte bei der Formierung und Anlegung einer Notiz spielen eine Rolle? Warum ist ein handschriftlich verfasstes Stück glaubwürdiger als ein gedrucktes? Wie wird im Duktus der Seitenzählung Zeugenschaft inszeniert und „ein Nachlass zu Lebzeiten“ (Musil) generiert? Werden die Herstellungsstrategien des Autors in der Ausstellung repräsentiert oder lassen sich Darstellungskonzepte jenseits der Festschreibung durch den Nachlass entwickeln? Im Zentrum des Projekts stehen deshalb die Materialität des Dokuments und die damit verbundenen haptischen Qualitäten, sowie die das Dokument strukturierenden Notationssysteme. Diese Aspekte sollen an Exponaten der Ausstellung „1912“ untersucht und ausgearbeitet werden. Ziel ist es, die Biografie der Archivalie, ihre sammlungshistorische Wanderung innerhalb des Archivs bis hin zu ihrer Einbindung in das aktuelle Präsentationsprojekt zu begleiten und theoretisch wie historisch zu reflektieren.

An den Forschungsauftrag sind weiterführende kulturwissenschaftliche Reflexionen zum Umgang mit dem in Marbach archivierten Nachlass des Autors, Philosophen und Entomologen Ernst Jünger (1895-1998) geknüpft. Anhand der Räumung, Neukonzeption und Wiedereröffnung der Ernst-Jünger-Gedenkstätte in Wilflingen sowie der ebenfalls für 2010 geplanten Jünger-Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne (LiMo) werden die unterschiedlichen Migrationswege, Transformationsprozesse und Bedeutungszuweisungen untersucht, denen die magazinierten Dinge des Autors im Archiv und im Museum unterliegen. Die Leitfrage lautet: Welche Formen der Evidenzerzeugung entstehen aus dem archivarischen wie musealen Umgang mit Materialien der Literatur am Beispiel des Jünger’schen Nachlasses?