Präsentationspraxis und Evidenzzuschreibung

Um den Zusammenhang von Kuratorenerwartungen und Besucherverhalten geht es im Forschungsprojekt „Präsentationspraxis und Evidenzzuschreibung“ am Institut für Wissensmedien (bearbeitet von Kira Eghbal-Azar, betreut von Prof. Dr. Stephan Schwan). Die Analyse der aktuellen Dauerausstellung „nexus“ im Literaturmuseum der Moderne (inklusive des digitalen Ausstellungsführers M3) soll Antworten auf die Fragen geben: Bis zu welchem Grad korrespondieren das Besucherbild und die Intentionen der Kuratoren mit dem Verhalten und den Kognitionen der Besucher? Welche Rolle spielen Raum, Materialien und Bildhaftigkeit bei der Benutzung eines digitalen Vermittlungsmediums? Und welche Rolle spielen diese Aspekte für das sonstige Besucherverhalten und die kognitive Verarbeitung von Ausstellungsinhalten?

Methodisch innovativ ist diese Erhebung, weil sie ethnologische und psychologische Theorien und Methoden zu einem neuen kognitionswissenschaftlichen Ansatz verknüpft. Kombiniert werden Feldtagebuch, Dokumentation der Ausstellungen, systematische Besucherbeobachtung, qualitative Interviews mit Besuchern und Kuratoren sowie die statistische Auswertung der Daten des audiovisuellen Ausstellungsführers M3. Dieser digitale Begleiter zeichnet anonymisiert seit Eröffnung des Museums 2006 alle Informationen auf, die Besucher über ihn abrufen, und bietet einen einzigartigen Datenschatz. Teil der Analyse ist zudem eine mobile Eye-Tracking-Studie, die (Blick-)Bewegungsmuster und die Verweildauer von Besuchern sowie deren Aufmerksamkeitsverteilung und kognitive Verarbeitung von Ausstellungsinhalten erfasst.

Eine Vergleichsstudie am Linden-Museum Stuttgart für Völkerkunde über die Ausstellung „Südsee-Oasen – Leben und Überleben im Westpazifik“ soll prüfen, inwiefern die in Marbach erhobenen Daten verallgemeinerbare Hypothesen über das Besucherverhalten in Ausstellungen zulassen und wo sie spezifisch für die Vermittlung von Literatur oder eine bestimmte Art der Präsentation sind. Denn die beiden untersuchten Ausstellungen unterscheiden sich nicht nur thematisch (Literatur bzw. Kulturen Mikronesiens), sondern auch in ihrer Präsentationspraxis. „nexus“ zeichnet sich durch eine strikte Trennung von Ausstellungs- und Vermittlungsebene aus, wobei der M3 als Vermittlungsebene dient , während „Südsee-Oasen“ diese beide Ebenen miteinander kombiniert und eine Audioguide-Führung, Filme, Spielstationen und ein Logbuch für Kinder als erweiternde Angebote zur Verfügung stellt.